Hoheneck (Gefängnis)

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ehemaliges Frauengefängnis Hoheneck

Das Frauengefängnis Hoheneck – zu DDR-Zeiten: Strafvollzugseinrichtung (StVE) Stollberg (Hoheneck); nach 1864 Königlich Sächsische Landesanstalt zu Hoheneck – war von 1862 bis 2001 ein Gefängnis auf Schloss Hoheneck in Stollberg im sächsischen Erzgebirgskreis. Der Name „Hoheneckerinnen“ wurde zum Synonym für die aus politischen Gründen inhaftierten Frauen in der DDR. Etwa 24.000 Frauen waren in Hoheneck inhaftiert, etwa 8000 davon waren politische Häftlinge.[1] Es gab Zellen für Isolationshaft und Dunkelhaft.[2]

Vorgeschichte

Das Gebäude steht auf den Grundmauern eines Jagdschlosses aus dem 16. Jahrhundert, das wiederum auf den Ruinen einer mittelalterlichen Grenzfeste errichtet wurde, der „Staleburg“, die dem Ort Stollberg den Namen gab. Im 17. Jahrhundert wurde das Schloss als Untersuchungsgefängnis genutzt, zu dessen Zweck ein neuer Bergfried (der heutige Uhrenturm) im Hohen Eck errichtet wurde, wovon sich der neue Name des Schlosses und der späteren Siedlung Hoheneck ableitete.

Geschichte

Bis 1945

1862 wurde die Haftanstalt erstmals als Sächsisches Weiberzuchthaus erwähnt, später wurde sie vorübergehend eine Haftanstalt für Männer und während des Ersten Weltkrieges ein Reservelazarett.

Die Nationalsozialisten nutzten das Gefängnis 1933 kurzzeitig für Männer in politischer Schutzhaft. Danach wurde es weiterhin als Zuchthaus für regulär verurteilte „Verbrecher“, darunter auch antifaschistische Widerstandskämpfer, genutzt.

Freiganghof des ehem. Frauengefängnis Hoheneck (2012)

1945–1989

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden im späteren Zentralen Frauengefängnis der DDR anfangs Angehörige des Volkssturms und des Werwolfs inhaftiert, aber auch durch die Sowjetische Militäradministration Aufgegriffene, die wegen kleinerer Delikte oft ohne ordentliches Verfahren nach Hoheneck kamen. Die Versorgung der Gefangenen war damals katastrophal, Seuchen und Hunger dezimierten die Zahl der Insassen (besonders im Winter 1945/46) oder führten zu vorzeitigen Entlassungen wegen Haftunfähigkeit, um zuhause sterben zu können.

1950 wurden durch sowjetische Militärtribunale 1119 Frauen aus den Speziallagern Nr. 4 Bautzen und Nr. 7 Sachsenhausen nach Hoheneck verlegt.[3] Das für maximal 600 Häftlinge ausgelegte Zuchthaus wurde zum ersten Mal überbelegt. Hoheneck wurde zu einem Gefängnis für aus politischen Gründen inhaftierte Frauen. Es befanden sich auch jeweils um die 30 Säuglinge, die in den Lagern geboren wurden, im Gefängnisbereich. Sie wurden wenige Wochen nach der Geburt von den Müttern getrennt und als „Kinder der Landesregierung“ auf Kinderheime der DDR verteilt. In Hoheneck kamen bis 1952 noch mindestens 27 Kinder zur Welt, von denen jedoch nicht alle die Haft überlebten. Auch diese Kinder kamen nach wenigen Wochen in Kinderheime der DDR.[3]

1953 wollten inhaftierte Frauen mit einem Hungerstreik bessere Bedingungen und eine Überprüfung ihrer Verurteilungen erreichen. Dies gelang auch teilweise und von 1954 bis 1956 wurden einige Frauen entlassen. Allerdings verpflichtete man sie unter Androhungen von Strafen zum Schweigen über die Zeit der Inhaftierung. Die Frauen im Gefängnis mussten im Dreischichtsystem arbeiten, so in der Bettwäsche- und Strumpfproduktion für den Westexport.

In den 1970er Jahren wurden zeitweise bis zu 1600 Frauen in Hoheneck eingesperrt, eintausend mehr als vorgesehen. Manche mussten auf dem Boden schlafen. Üblich waren militärischer Drill, Schläge und Schikanen gegen Inhaftierte. Die Strafen in Hoheneck waren drakonisch, Arrest in der Dunkelzelle gab es für geringste Vergehen. Strafverschärfend war das Zusammenlegen von politischen Häftlingen (mehrfache Ausreiseanträge, versuchter „ungesetzlicher Grenzübertritt“) mit Gewaltverbrecherinnen, auch Mörderinnen. Die Zusammenlegung der „Politischen“ mit Gewalttäterinnen hatte System. Sie sollten gezielt eingeschüchtert werden.[4] Im Zuge der Bestrebungen, eine internationale Anerkennung der DDR zu erlangen, wurden 1983 nach Besichtigungen durch UN-Kommissionen in den DDR-Haftanstalten die Haftbedingungen grundlegend verändert. Noch bis etwa Mitte 1989 wurden jährlich 400 Frauen gefangengehalten, davon etwa 30 Prozent politische Gefangene. Bis dahin wurden alle für den Freikauf vorgesehenen Frauen über Hoheneck geleitet, was eine gefängniseigene Außenstelle des Ministeriums für Staatssicherheit nötig machte.

Im November 1989, nach dem Fall der Mauer, erfolgte eine Amnestie für die letzten politischen Häftlinge der DDR. Nach einem Gefangenenaufstand im Dezember 1989 wurde auch ein Teil der kriminellen Straftäterinnen amnestiert. Die genaue Zahl der inhaftierten Frauen während der DDR-Zeit ist nicht bekannt.

Ab 1990

Gedenkstein vor ehem. Frauengefängnis der DDR in Hoheneck (2010)

1990 wurde Hoheneck als einziges Frauengefängnis Sachsens fortgeführt. Mitte der 90er Jahre waren im Westflügel der JVA auch männliche Strafgefangene (Kurzstrafen) untergebracht. Vollzogen wurde Strafhaft für weibliche und männliche sowie Untersuchungshaft und Jugendarrest für weibliche Verurteilte. Ende April 2001 wurde das Gefängnis geschlossen und die letzten Gefangenen in andere Gefängnisse verlegt. 2002 verkaufte der Freistaat Sachsen das ehemalige Frauengefängnis an den saarländischen Geschäftsmann Bernhard Freiberger. Die angedachte Umnutzung des Areals zu einem Freizeit- und Erholungskomplex scheiterte an wirtschaftlichen Schwierigkeiten und dem Widerstand der Opferverbände, die den Charakter des Gedächtnisortes gefährdet sahen. Inzwischen ist eine AG politischer Häftlinge beratend beteiligt.

2014 kaufte die Stadt Stollberg den Komplex zurück und plant dort seit 2019 neben einer Sportstätte und dem Kindertheater Burattino eine Gedenkstätte politischer Haft im Zellentrakt Westflügel. Die Eröffnung ist wegen neuer Bodenfunde und ausführlicher wissenschaftlichen Recherchen erst im Juni 2023 geplant. Bis dahin finden keine Führungen im Bereich Gefängnis statt.[5]

Bekannte Inhaftierte

In der DDR-Zeit:

sowie:

  • Paul Lange, Gewerkschafter, Publizist und Politiker, von 1905 bis 1906
  • Franz Boldt, Gewerkschafter, kommunistischer Lokalpolitiker und Widerstandskämpfer gegen das NSDAP-Regime, im Jahr 1933 durch das NSDAP-Regime
  • Ferdinand Karl Holzinger, Schriftsteller, 1935 bis 1938

und

Literatur

  • Dorothea Ebert, Michael Proksch: Und plötzlich waren wir Verbrecher. dtv, München 2010, ISBN 978-3-423-24799-3.
  • Petra Koch: Menschenwege – Politisch inhaftiert auf Burg Hoheneck. ISBN 3-8280-1683-9.
  • Eva-Maria Neumann: Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit. ISBN 978-3-86612-112-6.
  • Maggie Riepl, Dirk von Nayhauß: Der dunkle Ort. 25 Schicksale aus dem DDR-Frauengefängnis Hoheneck. be.bra wissenschaft verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-937233-99-4.
  • Rengha Rodewill: Hoheneck – Das DDR-Frauenzuchthaus, Dokumentarische Erkundung in Fotos mit Zeitzeugenberichten und einem Vorwort von Katrin Göring-Eckardt. Vergangenheitsverlag Berlin 2014, ISBN 978-3-864081-62-0.
  • Ulrich Schacht: Hohenecker Protokolle – Aussagen zur Geschichte der politischen Verfolgung von Frauen in der DDR. Sonderausgabe der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.
  • Birgit Schlicke: Knast-Tagebuch – Erinnerungen einer politischen Gefangenen an Stasi-Haft und das Frauenzuchthaus Hoheneck. Lichtzeichen Verlag, 2009, ISBN 3-8311-2911-8.
  • Ellen Thiemann: Stell dich mit den Schergen gut. 3., unveränderte Auflage. Herbig-Verlag, 2007, ISBN 978-3-7766-5017-4.
  • Ines Veith: Hoheneck – Frauen in politischer Haft. 2001, ISBN 3-9801721-8-X.
  • Anke Jauch: Die Stasi packt zu. ISBN 3-86548-714-9.
  • Anke Jauch: Aktionsforschung. action research. Handlungsforschung im Spannungsbogen von Theorie und selbsterlebter Praxis als Symbol der deutschen Wiedervereinigung. Akademische Verlagsgemeinschaft München, ISBN 978-3-86548-714-8.
  • Hera Lind: Die Hölle war der Preis: Roman nach einer wahren Geschichte. 2020, ISBN 978-3453360761.

Hörfunk

Weblinks

Commons: Frauengefängnis Hoheneck – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Bundesarchiv, abgerufen am 21. Oktober 2021
  2. bundesstiftung-aufarbeitung.de: Das Frauengefängnis Hoheneck
  3. a b Alex Latotzky: Kindheit hinter Stacheldraht. Forum Verlag, Leipzig 2001, ISBN 3-931801-26-8, S. 34.
  4. [1] Ausstellung der Heinrich-Böll-Stiftung im Landtag Brandenburg 2016
  5. [2] Freie Presse Chemnitz, Ausg. Stollberg vom 28. Dezember 2018
  6. mdr.de: Schreckensort Gefängnis Hoheneck 1950 | MDR Figaro. Archiviert vom Original am 14. Mai 2019; abgerufen am 5. Juli 2019.
  7. mdr.de: Frauenzuchthaus Hoheneck - „Demütigung, Willkür, Verrat“ | MDR.DE. Abgerufen am 14. Mai 2019.

Koordinaten: 50° 42′ 17″ N, 12° 47′ 3″ O