Militärrabbiner

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Jüdische Soldaten in der deutschen Armee begehen Yom Kippur, am 5. Oktober 1870 (10. Tischri 5631) während des Deutsch-Französischen Krieges. The Feuchtwanger Collection, Israel-Museum, Jerusalem.
Jüdische Soldaten an Rosch ha-Schana (Neujahrsfest) während des 1. Weltkriegs, 1914–1918
Aron Tänzer aus Göppingen als deutscher Feldrabbiner im Ersten Weltkrieg mit dem EK II am Bande im zweiten Knopfloch der Uniformjacke und Davidstern an der Halskette

In vielen Ländern sind Militärrabbiner in der Militärseelsorge tätig und bieten religiöse Dienstleistungen für jüdische Soldaten an. Der Deutsche Bundestag hat am 28. Mai 2020 einstimmig beschlossen, dass die Bundeswehr Militärrabbiner für die etwa 300 Soldaten jüdischen Glaubens einführt.[1]

Historie

Feldrabbiner waren Rabbiner in der Seelsorge des Militärs. Feldrabbiner wurden unter anderem in den Streitkräften Österreich-Ungarns und des deutschen Kaiserreiches eingesetzt.

Im deutschsprachigen Raum wurde das Feldrabbinat zuerst 1875 bei der Militärseelsorge der Österreichisch-Ungarischen Landstreitkräfte eingeführt. Im genannten Jahr wurde Alexander Kisch zum ersten Feldrabbiner der Reserve der k.u.k. Armee ernannt, und organisierte die in Friedenszeiten gültige Struktur der jüdischen Militärseelsorge in Österreich.

Deutschland

Kaiserreich

Beim deutschen Heer wurde das Feldrabbinat erst zu Beginn des Ersten Weltkrieges eingeführt. Bekanntester Feldrabbiner des Deutschen Heeres wurde Leo Baeck. Insgesamt sind heute um die dreißig deutsche Feldrabbiner aus der Zeit des Ersten Weltkrieges bekannt. Der Verband der Deutschen Juden gab eigens eine besondere Feld-Bibel heraus.[2]

Die deutschen Feldrabbiner des Ersten Weltkrieges trugen die feldgraue Heeresuniform mit einer Armbinde mit rotem Kreuz. Der Davidstern wurde dazu an einer Halskette getragen. Erstmals nach rund 100 Jahren Pause und 75 Jahre nach dem Holocaust können ab 2020 deutsch-jüdische Soldaten wieder durch Rabbiner betreut werden.

Bundesrepublik

Am 2. April 2019 erklärte das Bundesministerium der Verteidigung, dass die Bundeswehr Militärrabbiner für die etwa 300 jüdischen Soldaten einführen wird. Dazu solle ein Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Zentralrat der Juden in Deutschland ausgehandelt werden.[3] Die Unterzeichnung des Staatsvertrags erfolgte im Rahmen des Jüdischen Gemeindetags, der vom 19. bis 22. Dezember 2019 in Berlin stattfand. Nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags brauchte es noch die Umsetzung durch den Gesetzgeber. Nachdem der Bundestag dies beschlossen hat, werden zehn Rabbiner in der Bundeswehr als Beamte auf Zeit seelsorgerliche Verantwortung übernehmen. Das Gesetz sieht 48 Dienstposten für das Militärrabbinat vor und beziffert die jährlichen Kosten auf rund 4,67 Millionen Euro. Bei Bedarf kann die Zahl aufgestockt werden. Die Auswahl der Rabbiner werde voraussichtlich im Herbst 2020 beginnen. In Hamburg und München, später auch in Frankfurt/Main und Leipzig sind Außenstellen des Rabbinats geplant.[1]

Militärbundesrabbiner

An der Spitze des Militärrabbinats in Berlin steht der Militärbundesrabbiner, der vom Zentralrat der Juden bestimmt wird und die bis zu zehn Militärrabbiner führt. Erster Militärbundesrabbiner ist seit dem 21. Juni 2021 der orthodoxe Landesrabbiner von Sachsen, Zsolt Balla.[4]

Israel

Insigne des Rabbinatskorps der israelischen Streitkräfte

Das Militärrabbinat (hebräisch חיל הרבנות הצבאית Chail HaRabanut HaTzvait) ist eine Einheit der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte, die religiöse Dienstleistungen für jüdische und nichtjüdische Soldaten anbietet und in religiösen und militärischen Angelegenheiten entscheidet. Das Militärrabbinat wird vom Obersten Militärrabbiner geleitet, der den Rang eines Brigadegenerals bekleidet.

In jeder Einheit oder Militärbasis gibt es Militärrabbiner, die die Verantwortung für die Durchführung oder Koordinierung von Gottesdiensten, die Überwachung der koscheren Küche und die Aufrechterhaltung des Synagogenbetriebs übernehmen. Aktive Militärangehörige können Vertreter des Militärrabbinats bitten, Heiratszeremonien und die Brit Mila (Beschneidungszeremonien) durchzuführen. Die Einheit überwacht auch die rechtliche und religiöse Bestätigung von Ehen und Scheidungen von Soldaten während ihres Militärdienstes.

Das Militärrabbinat ist für die Beisetzung der Leichen von Soldaten gemäß den religiösen Vorschriften verantwortlich, einschließlich der Identifizierung und der Obduktion von Leichen sowie der Durchführung von militärischen Begräbnissen. Das Militärrabbinat koordiniert auch die Bestattung feindlicher Soldaten und das Exhumieren von Leichen in Verbindung mit dem Gefangenenaustausch.

Das Militärrabbinat wurde 1948 von Rabbiner Schlomo Goren gegründet, der es bis 1968 leitete. Der derzeitige Oberrabbiner ist Eyal Karim.[5]

USA

Jacob Fränkel, 1. Militärrabbiner der USA

Erster offizieller Militärrabbiner der USA wurde am 18. September 1862 während des Amerikanischen Bürgerkrieges der aus Deutschland eingewanderte Jacob Fränkel (1808–1887). Während des Ersten Weltkriegs dienten 250.000 Soldaten jüdischen Glaubens in der Amerikanischen Armee. 25 Militärrabbiner betreuten diese Soldaten. Während des Zweiten Weltkriegs gab es 311 jüdische Militärrabbiner für 550.000 Soldaten jüdischen Glaubens, davon gehörten 147 der konservativen Glaubensrichtung an, 96 dem Reformjudentum und 68 gehörten dem orthodoxen Glauben an. Während des Koreakriegs waren 100 Militärrabbiner im Einsatz. In allen folgenden kriegerischen Auseinandersetzungen waren Militärrabbiner im Einsatz.[6]

Siehe auch

Literatur

  • Sabine Hank, Hermann Simon, Uwe Hank, Feldrabbiner in den deutschen Streitkräften des Ersten Weltkrieges, Berlin 2013, herausgegeben von der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum und dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, ISBN 978-3-938485-76-7, Schriften des Centrum Judaicum, Bd. 7
  • Wilhelm Güde: Rabbiner Dr. Alexander Kisch als k.k. Landwehrrabbiner. Zugleich ein kleiner Beitrag über die Anfänge der jüdischen Militärseelsorge in Österreich-Ungarn. In: Jüdische Soldaten – Jüdischer Widerstand in Deutschland und Frankreich, herausgegeben von Michael Berger und Gideon Römer-Hillebrecht, Paderborn, München, Wien, Zürich 2012, S. 180–196.
  • Zentralrat der Juden in Deutschland (Hrsg.): Militärrabbiner in der Bundeswehr. Zwischen Tradition und Herausforderung. Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich 2019. ISBN 978-3-95565-363-7.

Weblinks

Commons: Militärrabbiner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Militärrabbiner – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. a b Weg für Militärrabbiner ist frei, Jüdische Allgemeine, 28. Mai 2020. Abgerufen am 28. Mai 2020.
  2. Erster Weltkrieg Feldrabbiner. In: juedisches-lehrhaus-goettingen.de. Abgerufen am 4. April 2019 (Feld-Bibel des Feldrabbis Dr. Italiener aus Danzig).
  3. Pläne von Verteidigungsministerium: Militärrabbiner sollen Bundeswehr unterstützen. In: Spiegel Online. 2. April 2019, abgerufen am 4. April 2019.
  4. Zsolt Balla wird Militärbundesrabbiner, Jüdische Allgemeine, 27. Mai 2021. Abgerufen am 27. Mai 2021.
  5. Militärrabbinat, IDF, israelischen Streitkräfte. Abgerufen am 4. April 2019.
  6. Seymour “Sy” Brody, Rabbis as Chaplains in America’s Military: A Tradition of Service, Dedication and Bravery. Abgerufen am 5. April 2019.