Sauerbruch-Arm

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Der Sauerbruch-Arm war eine von dem Chirurgen Ferdinand Sauerbruch konstruierte Prothese, die hauptsächlich für versehrte Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs gedacht war. Die hohen Kosten für die Prothese konnten jedoch nur wenige Betroffene aufbringen, so dass ihre Anwendung von vornherein nur begrenzt war. Dazu wurde bei dem verbliebenen Armstumpf durch das Muskelgewebe ein von Haut ausgekleideter Kanal gelegt, durch den ein Bolzen eingeführt wurde. Damit konnte die Bewegung der verbliebenen Muskulatur im Armstumpf auf die Prothesenteile, insbesondere der Hand (die Hüfnerhand), übertragen werden.

Sauerbrucharm mit Hüfnerhand des Hutmachers Gottfried Schätz aus Tegernsee
Stumpfvorbereitung für den sog. „Sauerbruch-Arm“ Illustration aus „Carl Franz (1870–1946) – Lehrbuch der Kriegschirurgie (2. Aufl. 1936)“ Seite 224 / 225.

Geschichte

Bereits der italienische Chirurg Vanghetti hatte die Idee Armamputierte mit einer beweglichen künstlichen Hand zu versorgen.[1] Jakob Hüfner entwickelte am Ende des Ersten Weltkrieges für armamputierte Kriegsteilnehmer einen Mechanismus, der Muskelbewegungen auf Daumen und Zeigefinger übertrug, und konstruierte eine mechanische Ersatzhand. Sie konnte aktiv geöffnet und geschlossen werden. 1920 meldete er seine Erfindung beim Reichspatentamt an. Sauerbruch verwendete die Hüfnersche Zweizughand. Diese Erfindung half nach 1945 rund 50.000 armamputierten Männern, sich wieder in das Berufsleben einzugliedern. Ein Hauptstandort dieser Operationstechnik war das von Max Lebsche betriebene Caritas-Spital für Schwerkriegsbeschädigte im Schloss Fürstenried/München.[2] Patienten, die beide Hände verloren haben, wurden nach Möglichkeit, wenn das die Amputations-Situation zuließ, nicht zwei Sauerbruch-Prothesen angelegt, sondern es wurde versucht, im Idealfall am linken Arm (bei Rechtshändern) eine Krukenberg-Plastik zu formen. Diese hat eine hohe Greifkraft und bildete eine sinnvolle Ergänzung zu den Fähigkeiten des Sauerbruch-Arms.

Durchgesetzt hat die Sauerbruch-Prothese sich auch deshalb nicht, weil in diesem Kanal oft Entzündungen und Infektionen auftraten. Der Gedanke, die motorische Steuerung auf die Prothese zu übertragen, wurde indes nicht verworfen, sondern kam bei der myoelektrischen Prothese wieder auf. Dennoch ist auch ihre Verbreitung wegen des hohen Preises begrenzt.

Rezeption

Einen literarischen Nachklang fand der Sauerbruch-Arm in Bertolt Brechts Abhandlung Me-ti. Buch der Wendungen. In dieser Schrift taucht unter dem Titel „Der unpolitische Arzt“ eine an Ferdinand Sauerbruch angelehnte fiktive Figur auf: der Arzt „Schin-fu“, der in Lazaretten arbeitete und durch die Konstruktion einer künstlichen Hand für Soldaten bekannt wurde.[3]

Trivia

Entgegen manchmal kolportierter Informationen trug der Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg keine Sauerbruch-Prothese.[4]

Literatur

  • Martin Friedrich Karpa: Die Geschichte der Armprothese unter besonderer Berücksichtigung der Leistung von Ferdinand Sauerbruch (1875–1951). Dissertation. Bochum 2005 (online, PDF; 4,65 MB).
  • Marion Maria Ruisinger (Hrsg.). Die Hand des Hutmachers. Deutsches Medizinhistorisches Museum, Heft Nr. 40, Ingolstadt 2014.
  • Marion Maria Ruisinger: Medizingeschichte 3 D. In: Bayrisches Ärzteblatt. 3/2014, S. 115.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 40.
  2. Stadtarchiv München: Jubiläumsoperation. Landeshauptstadt München, 2015, abgerufen am 14. Januar 2020.
  3. Bertolt Brecht: Me-ti / Buch der Wendungen. Werkausgabe Band 12 (Prosa 2), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967, S. 501.
  4. Ulrich Schlie: Claus Schenk Graf von Stauffenberg: Biografie von Ulrich Schlie. Verlag Herder GmbH, abgerufen am 14. Januar 2020.