Blut-und-Boden-Literatur

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Der Ausdruck Blut-und-Boden-Literatur (oder Blut-und-Boden-Dichtung) bezeichnet eine von der Blut-und-Boden-Ideologie geprägte Fortentwicklung der völkischen Heimatliteratur, die im nationalsozialistischen Deutschland besonders gefördert wurde.

Der Terminus „Blut-und-Bodenliteratur“ bzw. „Blut-und-Boden-Literatur“ lässt sich im Deutschen seit mindestens 1937 nachweisen.[1] Neben diesem literarhistorischen Terminus findet sich schon in zeitgenössischen Quellen vielfach die meist abwertende oder polemische Kurzbezeichnung Blubo-Literatur.

Begriffsabgrenzung

Ein offener oder latenter zivilisationskritischer Primitivismus findet sich in vielen neuzeitlichen Literaturen, so etwa auch bei Rousseau, bei Tolstoi und in der Chłopomania des Jungen Polen. „Zentrales Element des traditionellen Heimatromans bildete“, wie Christiaan Janssen aufgewiesen hat, „der Stadt-Land-Gegensatz, wobei die Stadt die Begriffe Demokratie, Liberalismus, Modernismus und Individualismus als negative Werte verkörperte, und das bäuerliche Land, mit seiner Natürlichkeit, seinem Gemeinschaftssinn und Antifortschrittsideal, den angeblich positiven Pol darstellte.“[2] Diese „traditionelle“ Heimatliteratur war sehr heterogen gewesen und hatte neben moderaten auch reaktionäre Strömungen hervorgebracht, für die etwa Ludwig Ganghofer und in Norwegen Knut Hamsun als beispielhaft gelten.[3]

Obwohl die Heimatromanliteratur und die „Blut-und-Boden-Literatur“ oft fließende Übergänge bilden, tritt die letztere aus der ersteren heraus durch ihr biologistisch aufgefasstes Weltbild. Hier rückt die These in den Vordergrund, dass „ein Mensch durch rassische und geographische Herkunft sozusagen ‚schicksalshaft‘ an Blut und Boden seiner Heimat gebunden sein sollte. Die Rolle der Frau als Mutter und des Mannes als autarkischer Bauer und Ernährer reduzierte beide auf ihre natürlichen Veranlagungen. Die Rolle des Individuums war ausgespielt, es zählte nur noch der Dienst des Einzelnen an der Gemeinschaft.‘“[2] Die Chiffre „Blut“ steht in diesem Kontext für „Rasse“, insbesondere die „nordische“ bzw. „arische Rasse“.[4]

Eine mittlere Position zwischen beiden nimmt die völkische (Heimatroman-)Literatur ein, zu deren zentralen Werten und Themen Sitte, Heimat, Familie, Volk, Boden, Tradition, Natur und Geschichte zählten.[5]

Charakteristik

Von anderen Strömungen der NS-Belletristik unterscheidet sich die „Blut-und-Boden-Literatur“ durch ihre Verherrlichung des Landlebens, der Natur und der Rückkehr zur Natur. Sie spielte, neben der Aufnahme germanisch-heidnischer Mythen (z. B. aus dem Sagenkreis der Nibelungen), eine wichtige Rolle bei der Schaffung des nationalsozialistischen Weltbildes.

Natur und naturverbundenes bzw. „natürliches“ Leben werden von den Literaten des Blut-und-Boden-Stils zum Gegenstand eines politischen Mythos gemacht. Im Mittelpunkt stehen der Bauer und die Bäuerin als Symbole des „artreinen“ Deutschen schlechthin. Die Dorfgesellschaft erscheint als nationalsozialistischer Mikrokosmos. Neben der „Lebensraum“-Ideologie wird auch der nationalsozialistische Rassismus durch die Blut-und-Boden-Literatur propagiert.

Einer der Grundgedanken des Genres ist die Idee, dass „Adel“ im germanischen Sinne nichts anderes sei als die bäuerliche Sippe, die an ihrem unteilbaren, unverkäuflichen Erbhof zum Zwecke der Zucht festhalten muss, d. h. um ihr Blut reinzuhalten.[6]

Werke und Autoren

Der Gesamtbestand der literarischen Werke, die den strengen Definitionskriterien für „Blut-und-Boden-Literatur“ genügen, umfasst nur wenige Titel. Dazu gerechnet werden u. a.:

Alle in der Liste aufgeführten Autoren sind Deutsche. Bei den genannten Werken handelt es sich, wenn nicht anders vermerkt, stets um Romane.

Die Frage, ob auch Friedrich Griese dem Genre zuzurechnen ist, wird von Literaturhistorikern uneinheitlich beantwortet.[15] Im Falle des Österreichers Richard Billinger besteht heute weiter Konsens, dass sein Werk den Definitionskriterien der „Blut-und-Boden-Literatur“ nicht entspricht. Gerhard Schumann und die Österreicher Hermann Graedener und Joseph Georg Oberkofler haben Lyrik publiziert, die als „Blut-und-Boden-Literatur“ eingestuft wird.[16][17]

„Blubo-Literatur“

Der Ausdruck „Blubo-Literatur“ (von Blubo als sarkastische bzw. satirische Abkürzung für „Blut und Boden“[18]) wurde in den 1930er Jahren im Diskussionskontext regimekritischer Literaten im Exil geprägt. Bereits am 25. Juli 1934 verwendete ihn Thomas Mann in seinem Tagebuch. 1938 erscheint er in der von Brecht, Feuchtwanger und Bredel herausgegebenen Zeitschrift Das Wort.[19] Nach 1945 findet er sich an vielen Stellen, selbst in den Literaturlisten deutscher Bibliotheken.[20] In der deutschsprachigen Literaturwissenschaft fand der Ausdruck insgesamt nur bedingt Aufnahme. In anderen Zusammenhängen wird zwar von der „Blubo-Ideologie“ gesprochen, doch liegt deren Schwerpunkt im agrarpolitischen Bereich. In Frankreich dagegen ist der Ausdruck – u. a. in der Heidegger- und der Jünger-Forschung – schon während der sechziger und siebziger Jahre weithin verwendet worden. Wie auch in der niederländischen Germanistik wird dabei gelegentlich mit ihm der Gesamtbestand der nationalsozialistischen belletristischen Literatur bezeichnet.[21]

Überdehnung des Begriffs

Der Begriff „Blut-und-Boden-Literatur“ wird auch in der Fachliteratur gelegentlich in einem Pars-pro-toto-Fehlschluss verwendet, um die im nationalsozialistischen Deutschland erschienene propagandistische Belletristik insgesamt zu bezeichnen.[22] Siehe dazu: Literatur in der Zeit des Nationalsozialismus.

Ebenso finden sich immer wieder Beispiele für Einstufungen von literarischen Werken – insbesondere Bauernromanen – als „Blut-und-Boden-Literatur“, die den Definitionskriterien für dieses Genre (insbesondere dem Kriterium, dass ein biologistisches bzw. rassenideologisches Element vorliegen muss) keineswegs entsprechen.[23][24][25]

Zeitgenössische Schriften

  • Gotthilf Stecher: Literatur aus Blut und Boden. Bonneß & Hachfeld, Potsdam & Leipzig [1936].
  • Hellmuth Langenbucher: Volkhafte Dichtung der Zeit. 3. Auflage. Berlin 1937.
  • Bund Deutscher Schriftsteller Österreichs (Hrsg.): Bekenntnisbuch Österreichischer Dichter. Krystall Verlag, Wien 1938.

Literatur

  • Ernst Loewy (Hrsg.): Literatur unterm Hakenkreuz. Das Dritte Reich und seine Dichtung. Eine Dokumentation. Vorwort von Hans-Jochen Gamm. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1966.
  • Günter Scholdt: Autoren über Hitler. Deutschsprachige Schriftsteller 1919–1945 und ihr Bild vom „Führer“. Bouvier, Bonn 1993, ISBN 3-416-02451-6.
  • Meret Forster: „Radikalismus der Mitte“. Kulturkritik zwischen Blubo und Asphalt: Ernst Krenek unterwegs in den österreichischen Alpen. In: Erhard Schütz, Gregor Streim (Hrsg.): Reflexe und Reflexionen von Modernität 1933–1945. Peter Lang, Bern 2002, ISBN 3-906770-14-1, S. 261–272 (Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik Band 6).
  • Anna Bramwell: Blut und Boden. In: Étienne François, Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte. Band 3. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50989-4, S. 380–391.
  • Franziska Schärli: Die Entwicklung des Bauernromans zur Blut-und-Boden-Literatur und das Interesse des Dritten Reiches an Jeremias Gotthelf. Bern 2007 (Bern, Univ., Lizenziatsarbeit, 2007)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Das Deutsche Wort der Literarischen Welt, neue Folge und die Grosse Übersicht. Band 13, Nr. 1, 1937, S. 15.
  2. a b Christiaan Janssen: Abgrenzung und Anpassung. Deutsche Kultur zwischen 1930 und 1945 im Spiegel der Referentenorgane Het Duitsche Boek und De Weegschaal. Waxmann, Münster, New York, München, Berlin 2003, ISBN 3-8309-1335-4, S. 123 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Klaus-Dieter Ertler: Der frankokanadische Roman der dreißiger Jahre: Eine ideologieanalytische Darstellung. Max Niemeyer, Tübingen 2000, ISBN 3-484-56014-2, S. 234 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Jethro Bithell: Modern German Literature: 1880-1950. Methuen, 1959, S. 347 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Petra Tallafuss: „Literatur als Waffe“. Literarischer Aktivismus im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ und im „Kampfbund für deutsche Literatur“. In: Jörg Schmidt, Petra Tallafuss (Hrsg.): Totalitarismus und Literatur. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 978-3-525-36909-8, S. 55–76, hier: S. 68 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-019549-1, S. 11 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. Timm Ebner: Nationalsozialistische Kolonialliteratur: Koloniale und antisemitische Verräterfiguren „hinter den Kulissen des Welttheaters“. Wilhelm Fink, Paderborn 2016, ISBN 978-3-7705-6029-5, S. 37 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. a b Gedächtnis-Ecke. In: NS Erzieher. Gaublatt des NS-Lehrerbundes. Band 4, 1936, S. 236 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. Jan Chodera: Die deutsche Polenliteratur 1918-1939: Stoff- und Motivgeschichte. UAM, 1966, S. 102.
  10. a b Willy Knoppe: Orientierungssuche in einer regionalen Sprachform: un bey allem is wuat. Cuvillier, Göttingen 2005, ISBN 3-86537-494-8, S. 276 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  11. Jürgen Hillesheim, Jürgen Hillesheim, Elisabeth Michael: Lexikon nationalsozialistischer Dichter: Biographien, Analysen, Bibliographien. Königshausen & Neumann, Würzburg 1993, ISBN 3-88479-511-2, S. 436 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  12. Jürgen Hillesheim, Jürgen Hillesheim, Elisabeth Michael: Lexikon nationalsozialistischer Dichter: Biographien, Analysen, Bibliographien. Königshausen & Neumann, Würzburg 1993, ISBN 3-88479-511-2, S. 436 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  13. Frank Bodesohn: Literatur als Propagandainstrument des NS-Regimes: Verbreitung der Blut-und-Boden-Ideologie aus Hitlers „Mein Kampf“ in der NS-Literatur. Diplomica, Hamburg 2014, ISBN 978-3-8428-8935-4, S. 36 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  14. a b Eva-Maria Gehler: Weibliche NS-Affinitäten: Grade der Systemaffinität von Schriftstellerinnen im „Dritten Reich“. Königshausen & Neumann, Würzburg 2010, ISBN 978-3-8260-4405-2, S. 90 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  15. Horst Gies: Richard Walther Darré: Der „Reichsbauernführer“, die nationalsozialistische „Blut-und-Boden-Ideologie“ und Hitlers Machteroberung. Böhlau, Köln 2019, ISBN 978-3-412-50291-1, S. 525 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  16. Alliteration. In: Klaus Weimar (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Band 1. Walter de Gruyter, Berlin, New York 2010, ISBN 978-3-11-019355-8, S. 48 f., hier: S. 49 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  17. Oberkofler: Hans Karl Peterlini: 100 Jahre Südtirol: Geschichte eines jungen Landes. Haymon, 2013, ISBN 978-3-7099-7031-7, S. 94 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  18. Wolfgang Leydhecker: Eine Jugend im Dritten Reich. Nicht wie die anderen. Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1992, ISBN 3-7929-0198-6, S. 48 und 71 (dort auch in „Blubo-Roman“, zwischen 1933 und 1937 von einem Schüler genannt, und „Blubo-Bild“, für Exponate der NS-Kunst-Akademie).
  19. Das Wort. Literarische Monatsschrift 1938. Heft 1/3, S. 144.
  20. Bücherei und Bildung [Zeitschrift]. Herausgegeben vom Verein Deutscher Volksbibliothekare, 1. Jahrgang 1948/49, S. 667.
  21. Vgl. z. B. http://www.duitsland.nl/site/achtergronden/Literatuur/LiteratuurindeNazitijd.html
  22. Frank Bodesohn: Literatur als Propagandainstrument des NS-Regimes: Verbreitung der Blut-und-Boden-Ideologie aus Hitlers „Mein Kampf“ in der NS-Literatur. Diplomica, Hamburg 2014, ISBN 978-3-8428-8935-4, S. 5 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  23. Zum Beispiel Christian Adams Einschätzung des Romans Und ewig singen die Wälder: Christian Adam: Lesen unter Hitler – Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Galiani, Berlin 2010, ISBN 978-3-86971-027-3, S. 243.
  24. Tore Hoel, Ragna Gulbranssen: Manns plikt - En biografisk dokumentar om Trygve Gulbranssen/Veslas egen beretning. Aschehoug, Oslo 1997, ISBN 82-03-26059-4, S. 121, 227.
  25. Trygve Gulbranssen und Deutschland. Abgerufen am 12. März 2022.