Das achte Leben (Für Brilka)

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Das achte Leben (Für Brilka) ist ein Roman von Nino Haratischwili aus dem Jahr 2014, der episch und generationenübergreifend das Leben insbesondere der Frauen einer georgischen Familie erzählt.

Inhalt

Der Roman beginnt 1900, zur Zeit des russischen Zarenreiches, und im Haus einer wohlhabenden Familie in Tiflis – der Vater betreibt eine Konditorei und entwickelt das Rezept für eine unwiderstehliche heiße Schokolade, die als Symbol immer wieder im Roman auftaucht. Die Schwestern Stasia und Christine sehen einer verheißungsvollen Zukunft entgegen, doch dann brechen der Erste Weltkrieg und die russische Revolution aus.

Mit Stasias Kindern Kostja und Kitty erreicht die Erzählung die Zeit Stalins und den Zweiten Weltkrieg. Kostja wird Marineoffizier und verliebt sich in Leningrad, doch seine Liebe kommt während der Belagerung durch die Deutschen ums Leben. Kittys Freund, Andro Eristawi, schließt sich oppositionellen georgischen Kräften an, die mit den Deutschen zusammenarbeiten. Bei der Verfolgung Andros durch den sowjetischen Geheimdienst wird Kitty schwer misshandelt, später bringt sie ihre Peinigerin um. Die unterschiedlichen Erlebnisse im Krieg führen zu Spannungen in der Familie. Kitty wandert mit Hilfe von Alanja, einem Jugendfreund Kostjas, über Prag, wo sie den Prager Frühling erlebt, nach London aus und wird eine erfolgreiche Sängerin. Kostja macht Karriere im sowjetischen Machtapparat, seine Ehe mit Nana ist schwierig, sie können sich auch über die Erziehung ihrer Tochter Helene nicht einigen. Er entwickelt sich zum gefürchteten Familienpatriarchen.

Helene bekommt später mit zwei verschiedenen Männern zwei Töchter: Daria, die Kostjas Liebling wird, und Niza. Alanja hat all die Jahre regelmäßigen telefonischen Kontakt zu Kitty gehalten und eine besondere Beziehung zu ihr entwickelt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kehrt Kitty mit Alanjas Unterstützung zu einem Konzert in ihre Heimat zurück und trifft auch Kostja wieder. Kostja verbietet seiner Enkelin Daria die Mitwirkung an einem Film, doch mit Nizas Hilfe kann Daria doch die Hauptdarstellerin werden. Kostja verhindert Alanjas Rückkehr nach London – genau in dieser Zeit ertrinkt Kitty bei einem Ausflug mit ihrer Freundin Fred.

Im Roman sind viele historische Ereignisse und auch einige historische Personen eingebaut: Stalin als „Generalissimus“ und Lawrenti Beria als „Kleiner Großer Mann“ – ihre Namen werden jedoch nicht erwähnt.

Form

Der Roman mit 1275 Seiten ist in einen Prolog und acht Kapiteln gegliedert, die nach ihren jeweiligen Hauptpersonen – sieben Frauen und einem Mann – benannt sind. Das letzte Kapitel – Brilka – enthält nur leere Seiten. Am Ende findet sich eine Grafik mit einer genealogischen Übersicht zu den wichtigsten Personen.

Die Autorin deckt ein weites Spektrum erzählerischer Distanz ab: Von Passagen, die an ein Sachbuch erinnern, über direkte Ansprachen an die titelgebende Brilka bis hin zur Schilderung des Innenerlebens der Protagonistinnen, insbesondere bei wichtigen Entscheidungen. Auffällig ist, wie sich im Roman die Erzählerin immer wieder an Brilka wendet, die die letzte Nachkommende der Familie ist.

Dabei gelingt es der Autorin immer wieder, Momente zu beschreiben, die die Konflikte tragisch und zugespitzt sichtbar werden lassen. Das Nachdenken über die Entscheidungsmöglichkeiten in diesen Momenten und die Unmöglichkeit, sich für das Richtige zu entscheiden, kehren immer wieder.

Die Handlung läuft immer wieder auf Katastrophen zu, die die Verhältnisse zwischen den Figuren prägen und der Erzählerin lebensphilosophische Erkenntnisse ermöglicht: „Natürlich wussten beide, dass sie sich belogen, jede auf ihre Weise. Aber es ließ sich leben mit dieser Lüge, während die Wahrheit unsicher war und keine eindeutigen Antworten lieferte, sondern nur Hass und Selbstverachtung hinterließ. Nein, die Wahrheit lähmte, während die Lüge befreite.“[1]

Das Leben der vorherigen Generation gibt Muster vor für das der nachfolgenden. „Das Zusammenfügen von fremden Erinnerungen, die erst dann einen Zusammenhang ergaben, wenn aus vielen einzelnen Teilen ein Ganzes entsteht. Und wir alle, ob wissend oder unwissend, tanzen innerhalb dieses Gesamtbildes unseren eigenen Tanz, einer geheimnisvollen Choreographie folgend.“[2]

Rezeption

Thomas Andre meint auf Spiegel Online: „Von der zaristischen Epoche bis ins Nachwende-Berlin, das ist ein gewaltiges Tableau: Und weil Haratischwili dieses mit ihren prächtig ausgeleuchteten Figuren und Szenen ganz ausgezeichnet bestückt, hat sie mit ‚Das achte Leben (Für Brilka)‘ in mancherlei Hinsicht den eigentlichen Roman des Jahres geschrieben.“[3]

Dominik Zink schreibt auf literaturkritik.de: „Wie sähe die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus, wenn sie nicht von denen geschrieben worden wäre, die sie bestimmt haben, sondern von denen, die stumm bleiben mussten? Welche Erinnerungen hätten diejenigen Menschen zu erzählen, die vergessen worden und niemals gefragt worden sind? Wie sähe dieses 20. Jahrhundert aus, wenn man von seinem Rand her darauf blickt? Diese Fragen stellt sich … Nino Haratischwili…“[4]

Soloto meint im Freitag: „Mag die Art, wie Haratischwili Faschismus und Bolschewismus in Bezug setzt, zunächst irritieren, so balanciert sie den daraus entstehenden unguten Eindruck später doch aus, wenn sie Kitty, die mittlerweile ins englische Exil gegangen ist, eine Holocaust-Überlebende als Freundin finden lässt, wodurch auch die Shoa einen angemessenen Platz im Roman finden kann.“[5]

Marie Schmidt urteilt in der Zeit: „Wenig wirkt in diesem Roman erlebt, vieles gewusst, anstudiert, zurechtgelegt. Und weil auch die Biografien der Figuren nur entlang heftiger Vorfälle geschildert werden, bekommt der Roman etwas Seifenopernhaftes.“[6]

Weiteres

Im Hamburger Thalia-Theater wurde 2017 eine Theaterfassung des Romans auf die Bühne gebracht, die über fünf Stunden dauert.

2019 erschien eine im Verlag 'TIDE exklusiv' eine Hörbuchfassung.

Auszeichnungen

2018 erhielt Haratischwili für ihre Theaterstücke und den Roman den Bertolt-Brecht-Literaturpreis.

Die englischsprachige Übersetzung von Charlotte Collins und Ruth Martin gelangte 2020 auf die Longlist des International Booker Prize.[7]

Ausgaben

  • Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka): Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2014, ISBN 978-3-627-00208-4.

2017 erschien eine Taschenbuchausgabe bei Ullstein, 2018 bereits in der 5. Auflage.

  • Het achtste leven. Niederländische Ausgabe, übersetzt von Elly Schippers und Jantsje Post, Atlas Contact, 2017, ISBN 9789025448417.
  • The Eighth Life. Englischsprachige Übersetzung von Charlotte Collins und Ruth Martin, Scribe, 2020, ISBN 9781950354153.

2019 erschien die polnische Übersetzung.

Einzelnachweise

  1. Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka), 2017, S. 841
  2. Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka), 2017, S. 964
  3. Thomas Andre: Der verführerische Geschmack heißer Schokolade. In: Spiegel Online. SPIEGEL ONLINE, 2. Oktober 2014, abgerufen am 16. Januar 2020.
  4. Dominik Zink: was wohl wäre, wenn das kollektive Gedächtnis der Welt andere Dinge erhalten und wiederum andere verloren hätte. In: literaturkritik.de. literaturkritik.de, 17. Oktober 2018, abgerufen am 8. Mai 2020.
  5. Soloto: Das achte Leben (für Brilka). In: der Freitag. der Freitag, 14. Juli 2016, abgerufen am 8. Mai 2020.
  6. Marie Schmidt: Hundert Jahre Verrat. In: Die Zeit. Die Zeit, 26. September 2014, abgerufen am 8. Mai 2020.
  7. 2020 International Booker Prize Longlist Announced bei thebookerprizes.com, 27. Februar 2020 (abgerufen am 4. März 2020).