Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e. V.
(VHD)
Logo
Zweck: organisatorische Förderung der Geschichtswissenschaft, Vertretung der deutschen Historiker vor der Öffentlichkeit, insbesondere der internationalen Geschichtswissenschaft
Vorsitz: Lutz Raphael
Gründungsdatum: 1895 bzw. 1948
Mitgliederzahl: 3070
Sitz: Frankfurt am Main
Website: Homepage des Historikerverbandes

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e. V. (kurz VHD), oft auch Deutscher Historikerverband genannt, ist mit über 3000 Mitgliedern der größte deutsche Verband hauptberuflicher Geschichtswissenschaftler.

Organisation

Der VHD befasst sich laut Satzung mit der „organisatorischen Förderung der Geschichtswissenschaft und vornehmlich der Vertretung der deutschen Historiker vor der Öffentlichkeit, insbesondere der internationalen Geschichtswissenschaft“. Seine wichtigste Aufgabe ist die Organisation der Deutschen Historikertage in Zusammenarbeit mit dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands, die alle zwei Jahre in Kooperation mit einer deutschen Universität stattfinden und regelmäßig mehrere Tausend Teilnehmer verzeichnen. Darüber hinaus vertritt der VHD die Interessen seiner Mitglieder gegenüber der Politik, insbesondere gegenüber den Vertretern der Kultus- und Wissenschaftspolitik. Der Verband umfasst derzeit sechs Facharbeitsgruppen: Angewandte Geschichte/Public History, Weltregionale und Globale Geschichte, Digitale Geschichtswissenschaft, Frühe Neuzeit, Internationale Geschichte und Landesgeschichte.

An der Spitze des Verbands steht ein etwa zwanzig Personen umfassender Ausschuss, dem neben dem Vorstand weitere hinzugewählte bzw. delegierte Vertreter angehören. Die Wahl erfolgt auf den Historikertagen turnusmäßig für den Zeitraum von maximal sechs Jahren. Delegierte entsenden der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands, der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare sowie ein Vertreter des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine. Der Ausschuss legt den Tagungsort sowie die Sektionen auf den Historikertagen fest und bestimmt die Preisträger der vom Verband vergebenen Auszeichnungen für herausragende Dissertationen und Habilitationsschriften.[1]

Der Vorstand des Historikerverbands setzt sich aus Vorsitzendem, stellvertretendem Vorsitzenden, Schriftführer und Schatzmeister zusammen. Vorsitzender des VHD ist seit 2021 der Trierer Neuzeithistoriker Lutz Raphael.

Am 1. Oktober 2009 wurde zur weiteren Professionalisierung des Verbandes eine Geschäftsstelle auf dem Campus Westend an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main eingerichtet, welche die Mittlerin zwischen Vorstand und Ausschuss des Verbandes bildet.

Der Verband vertritt die Historiker Deutschlands im Comité International des Sciences Historiques (CISH).[2]

Geschichte

Mitgliederversammlung auf dem Göttinger Historikertag 2014

Die „Erste Versammlung Deutscher Historiker“ von Wissenschaftlern und Schulpraktikern fand Ostern 1893 in München statt, um einhellig gegen den neuen preußischen Geschichtslehrplan von 1892 zu opponieren, der das Schulfach auf Betreiben Kaiser Wilhelms II. im nationalen und antisozialistischen Sinne einzuspannen suchte. 1895 folgte die Gründung des „Verbandes Deutscher Historiker“ in Frankfurt am Main, angeregt u. a. durch Ludwig Quidde. Schulfragen spielten darin nur noch eine untergeordnete Rolle, weshalb die Lehrer 1913 den Verband Deutscher Geschichtslehrer gründeten. In der Zeit des Nationalsozialismus leitete zunächst noch Karl Brandi von 1932 bis 1937, danach das fördernde SS-Mitglied Walter Platzhoff den Historikerverband.

Unter Leitung von Gerhard Ritter initiierte ein „Gründungsausschuss“ mit Hermann Heimpel, Hermann Aubin und Herbert Grundmann Ende 1948 die Wiederbelebung des Historikerverbands mit geändertem Namen. Der 1949 gegründete Historikerverband unter dem Vorsitz von Ritter legte auf ein „deutsches national definiertes Geschichtsbewußtsein“ weiterhin Wert.[3] Der Historikerverband hielt bis Mitte der 1950er-Jahre einen gesamtdeutschen Anspruch aufrecht, ehe sich 1958 in der DDR die Deutsche Historiker-Gesellschaft konstituierte. Im September 1990 endete die drei Jahrzehnte andauernde Doppelexistenz der institutionalisierten Geschichtswissenschaft in Deutschland mit dem Bochumer „Vereinigungs-Historikertag“.

Mit der am 27. September 2018 verabschiedeten Resolution des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie positionierte sich der VHD erstmals offen zu aktuellen politischen Entwicklungen.[4]

Vorsitzende

Datei:Aubin 1911.jpg
Hermann Aubin, 1911

Vorsitzende des Historikerverbandes waren vor 1914 auch verschiedene österreichische Historiker. Es wurden verschiedene Fachdisziplinen bei den Wahlen berücksichtigt, wobei die Mehrheit der Gewählten Mittelalterliche oder Neuzeitliche Geschichte lehrt(e). Seit 1988 beträgt die Amtszeit der Vorsitzenden stets vier Jahre. 2016 wurde erstmals eine Frau zur Vorsitzenden gewählt.

Auszeichnungen

Der Verband verleiht seit 2004 den Hedwig-Hintze-Preis für herausragende Dissertationen. Benannt wurde der Preis nach der Neuzeithistorikerin Hedwig Hintze, die als Jüdin 1939 emigrieren musste und unter nicht eindeutig geklärten Umständen im niederländischen Exil ums Leben kam. Ausgezeichnet werden hervorragende Dissertationen aus dem Gesamtbereich der Geschichtswissenschaft für jüngst Promovierte. Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert.[6]

Der VHD verleiht außerdem – gleichfalls seit 2004 – den mit jeweils 6000 Euro dotierten Carl-Erdmann-Preis für zwei herausragende Habilitationen aus dem Gesamtbereich der Geschichtswissenschaft. Benannt wurde der Preis nach dem Mediävisten Carl Erdmann, einem entschiedenen Gegner des Nationalsozialismus.[7]

Siehe auch

Literatur

  • Matthias Berg, Olaf Blaschke, Martin Sabrow, Jens Thiel, Krijn Thijs: Die versammelte Zunft. Historikerverband und Historikertage in Deutschland. 2 Bände. Wallstein Verlag, Göttingen 2018, ISBN 3-8353-3294-5.
  • Matthias Berg, Martin Sabrow (Hrsg.): Der Deutsche Historikerverband im interdisziplinären Vergleich (= Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung. 25, 2015, 1). Leipziger Universitäts-Verlag, Leipzig 2015, ISBN 978-3-86583-974-9.
  • Matthias Berg: Institutionelle Erbschaften? Zur Wiedergründung des deutschen Historikerverbandes nach 1945. In: Jürgen Elvert (Hrsg.): Geschichte jenseits der Universität. Netzwerke und Organisationen in der frühen Bundesrepublik (= Historische Mitteilungen. Beiheft. Bd. 94). Steiner, Stuttgart 2016, ISBN 3-515-11350-9, S. 53–72.
  • Zur Geschichte des Historikerverbands. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 64 (2013), Heft 3/4.
  • Winfried Schulze: Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945 (= Historische Zeitschrift. Beiheft. N.F., Bd. 10). Oldenbourg, München 1989, ISBN 3-486-64410-6.

Weblinks

Anmerkungen

  1. Informationen auf den Seiten des VHD. Abgerufen am 27. Dezember 2017.
  2. CISH: Comités nationaux – National Committees. (Memento vom 23. September 2015 im Internet Archive) Abgerufen am 5. August 2015.
  3. Winfried Schulze: Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945. München 1993, S. 61.
  4. Patrick Bahners: Resolution des Historikertags. Die Lehrer Deutschlands. In: FAZ.NET, 29. September 2018; Krijn Thijs: Demokratie als Funktionsbedingung. (Zwischen-)Bilanz der Kontroverse um die »politische« Resolution des Historikerverbandes. In: Zeithistorische Forschungen 16 (2019), S. 154–163.
  5. Aufstellung nach Matthias Berg, Olaf Blaschke, Martin Sabrow, Jens Thiel, Krijn Thijs: Die versammelte Zunft. Historikerverband und Historikertage in Deutschland 1893–2000. 2 Bände. Wallstein Verlag, Göttingen 2018, hier Band 2, S. 761–762.
  6. VHD: Hedwig-Hintze-Preis. Abgerufen am 5. August 2015. Preisträgerinnen und Preisträger seit 2002.
  7. VHD: Carl-Erdmann-Preis. Abgerufen am 8. Oktober 2016. Preisträgerinnen und Preisträger seit 2002.