Édouard Daladier

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Édouard Daladier
Chamberlain, Daladier, Hitler, Mussolini, und der italienische Außenminister Galeazzo Ciano (von links) während der Münchener Verhandlungen. Im Hintergrund von Ribbentrop und von Weizsäcker.

Édouard Daladier (* 18. Juni 1884 in Carpentras, Département Vaucluse; † 10. Oktober 1970 in Paris) war ein französischer Politiker (Parti radical). Während der 1930er Jahre war Daladier mehrfach Premierminister und verfolgte gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschen Reich eine Appeasement-Politik.

Leben

Édouard Daladier war Sohn eines Bäckers in der provenzalischen Kleinstadt Carpentras. Er absolvierte die classe préparatoire am Lycée Ampére in Lyon, wo der 12 Jahre ältere Édouard Herriot sein Rhetoriklehrer war, und studierte an der Universität Lyon Geschichte und Geographie. Nach Bestehen der Agrégation (Lehrbefugnis für höhere Schulen) als Jahrgangsbester wurde er Geschichts- und Geographielehrer an Lycées in Nîmes und Marseille.

Wie sein früherer Lehrer Herriot wurde Daladier Mitglied der linksbürgerlichen Parti Radical Socialiste. Mit der Wahl zum Bürgermeister (Maire) seiner Heimatstadt Carpentras fand er 1911 Eintritt in die Politik. Während des Ersten Weltkriegs kämpfte Daladier an der Westfront und war bei Kriegsende Lieutenant (Oberleutnant).

Nach dem Ersten Weltkrieg

1919 wurde Daladier für das Département Vaucluse in die Abgeordnetenkammer (Chambre des députés) gewählt und hatte das Mandat bis 1940 inne. Als Abgeordneter gehörte er dem linken Flügel seiner Partei an und erfuhr politische Förderung durch Premierminister Édouard Herriot. In dessen erster Regierung (14. Juni 1924 bis 10. April 1925) übernahm Daladier erstmals einen Kabinettsposten und wurde Kolonialminister. Zwischen Oktober 1925 und Juli 1926 amtierte er jeweils kurzzeitig als Minister für nationale Verteidigung bzw. für Unterricht und bildende Künste.

Von 1927 bis 1932 war er Vorsitzender seiner Partei und dabei maßgeblich für den Bruch mit der Sozialistischen Partei SFIO 1926 und dem konservativen Ministerpräsidenten Raymond Poincaré im November 1928 verantwortlich. Zwischen Februar 1930 und Dezember 1932 war Daladier mehrmals, jeweils für wenige Tage bis Monate, Minister für öffentliche Arbeiten. Anschließend war er bis Januar 1934 erneut Verteidigungsminister.

Von 1933 bis 1940 war er fünf Mal Ministerpräsident einer Mitte-links-Koalition (Januar bis Oktober 1933, neun Tage im Januar und Februar 1934, bis er nach den Unruhen vom 6. Februar 1934 zurücktreten musste, 12. April 1938 bis 20. März 1940). Während der Volksfrontregierung unter dem Sozialisten Léon Blum (Kabinette Blum I und II) war er Kriegsminister. Daladiers Regierungen waren häufig von der Duldung oder Unterstützung wechselnder politischer Lager abhängig, wobei er auch selbst einige Male den Kurs wechseln musste.

1938 übernahm er die britische Appeasement-Politik und hatte zusammen mit Arthur Neville Chamberlain erheblichen Anteil am Zustandekommen des Münchner Abkommens, das im Verlauf der Sudetenkrise die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich zur Folge hatte. Nach der Sudetenkrise trieb er die lange vernachlässigte Aufrüstung Frankreichs voran. Am 3. September 1939, nach Hitlers Überfall auf Polen am 1. September 1939 erklärte Daladier gemäß der britisch-französischen Garantieerklärung gegenüber Polen dem Deutschen Reich den Krieg, den er hatte vermeiden wollen.

Im März 1940 trat Daladier als Ministerpräsident zurück, weil er dem demokratischen Finnland während des Winterkrieges gegen die Sowjetunion die in der Öffentlichkeit geforderte Hilfe versagt hatte. Paul Reynaud wurde sein Nachfolger. Daladier selbst wurde abermals Kriegsminister und in den letzten Tagen vor der Niederlage gegen Deutschland Außenminister. Nach dem Blitzkrieg der deutschen Wehrmacht gegen Frankreich floh Daladier nach Marokko, wurde jedoch gefangen genommen und vom Vichy-Regime im Herbst 1941 gemeinsam mit Léon Blum im Prozess von Riom wegen Verrats angeklagt. Der Prozess wurde von der französischen Justiz verschleppt und 1943 auf deutsche Anweisung eingestellt.

1943 wurde Daladier zusammen mit dem früheren Staatspräsidenten Albert Lebrun von der Besatzungsmacht nach Deutschland deportiert und zusammen mit anderen Franzosen auf Schloss Itter bei Wörgl in Tirol interniert. Am 5. Mai 1945 wurden die dort Inhaftierten bei der Schlacht um Schloss Itter von desertierten Soldaten der Wehrmacht und regulären Soldaten der amerikanischen Armee aus den Händen der Waffen-SS befreit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Daladier wurde von 1946 bis 1958 erneut zum Abgeordneten des Départements Vaucluse gewählt und war als starke Gestalt der Parti Radical während der Vierten Republik einer von de Gaulles Gegenspielern. Von 1953 bis 1958 war er außerdem Bürgermeister von Avignon. Ab 1956 war er Fraktionsvorsitzender seiner Partei in der Nationalversammlung. 1958 widersetzte er sich im Parlament der Mehrheitsentscheidung, dem von Staatspräsident René Coty an die Spitze der Regierung berufenen General Charles de Gaulle die Ermächtigung zu erteilen, eine neue Verfassung auszuarbeiten. Daladier war Ehrenvorsitzender seiner Partei, die sich nach seinem Tod in zwei Flügel spaltete.

Weblinks

Commons: Édouard Daladier – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
VorgängerAmtNachfolger

Joseph Paul-Boncour
Camille Chautemps
Léon Blum
Premierminister von Frankreich
31. Januar 1933–24. Oktober 1933
30. Januar 1934–9. Februar 1934
10. April 1938 – 21. März 1940

Albert Sarraut
Gaston Doumergue
Paul Reynaud

Joseph Paul-Boncour
Georges Bonnet
Paul Reynaud
Außenminister von Frankreich
30. Januar 1934–9. Februar 1934
13. September 1939–21. März 1940
18. Mai 1940 – 5. Juni 1940

Louis Barthou
Paul Reynaud
Paul Reynaud

Yvon Delbos
Bertrand Nogaro
Bildungsminister von Frankreich
28. November 1925–9. März 1926
19. Juli 1926–23. Juli 1926

Lucien Lamoureux
Édouard Herriot

Paul Painlevé
Joseph Paul-Boncour
Louis Maurin
Kriegsminister von Frankreich
29. Oktober 1925–28. November 1925
18. Dezember 1932–30. Januar 1934
4. Juni 1936–18. Mai 1940

Paul Painlevé
Jean Fabry
Paul Reynaud